Ein Industriebild aus der Lausitz

Die Weberei wird im 'Oberlausitzer Berglande' seit Jahrhunderten betrieben. Ein Wanderer, der vor der Erbauung der Eisenbahn durch die Lausitz pilgerte, hörte von Bischofswerda bis nach Zittau beinahe aus jedem Hause das Klappern eines Webstuhls. Bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts blühte auch in Ebersbach die Leinenweberei, von da ab wurde diese hier aber mehr und mehr von der Baumwollweberei verdrängt. Sie erzeugte in den ersten Jahrzehnten hauptsächlich Kattune1), gegen Mitte des Jahrhunderts gewannen aber die bunten , sogenannten Köper 2) eine außergewöhnliche Bedeutung.

 

Mit der Anfertigung dieser Waren, die in großen Mengen nach den Donaustaaten, der Türkei, nach Kleinasien, Afrika und bis nach Japan geliefert wurden, beschäftigten die Ebersbacher Fabrikanten zu Ende der fünfziger und in den sechziger Jahren im Orte und in der Umgebung gegen 3000 Handweber. Später nahm der Fabrikant Hermann Wünsche die Fabrikation baumwollener, sowie halbleinener Schürzenstoffe auf.

 

Die Firma Hermann Wünsches Erben wurde Dezember 1868 handelsgerichtlich eingetragen. Auch der Fabrikationsbetrieb beschränkte sich zunächst auf die Handweberei und die Weber, die die Firma beschäftigte, wohnten in einem weiten Umkreise. Ein großer Teil der Waren wurde im benachbarten Böhmen gewebt, da die Weber in Ebersbach und dessen Umgebung nicht ausreichten. Die Beschäftigung der Weber im Ausland war infolge des sogenannten Veredelungsverkehres möglich. Dieser gestattete, dass die Kett- und Schussgarne unter Vormerkung auf den Zollämtern zollfrei nach Böhmen hineingingen, und die fertigen Waren dann ebenso zollfrei in Sachsen eingeführt werden durften. Es wurden so nicht nur einzelne Ketten von den böhmischen Webern selbst geholt, sondern viele kleine Unternehmer in den böhmischen Grenzorten holten das Material in großen Fuhren und vermittelten es an die Weber. Auch lange Zeit, nachdem der mechanische Webereibetrieb aufgenommen worden war, blieb dieser Handweberbetrieb noch bestehen. Zu Ende der siebziger Jahre bis (1881) der Veredelungsverkehr aufgehoben wurde, sind beim Ebersbacher Zollamte jährlich über 30.000 Handwerker abgefertigt worden.

 

Der mechanische Betrieb fand in der Oberlausitz erst spät Eingang. Die Lausitzer standen der Neuerung geradezu feindlich gegenüber, da sie eine schwere Schädigung, ja sogar den Ruin der Lausitzer Weberei befürchteten. Als sich die Nachricht von der Einführung eines mechanischen Webstuhls in anderen deutschen Ländern mehrten, kamen die Fabrikanten der südlichen Lausitz sogar einmal (1843) in Ebersbach zu einer Abwehrkundgebung zusammen und sie beschlossen die Eingabe an die Regierung, dass diese das Vordringen der mechanischen Weberei verhindere. In Ebersbach blieb die Einführung des mechanischen Betriebes für die Weberei Herm. Wünsche vorbehalten. In ihm vereinigten sich mit den gründlichsten Fabrikationskenntnissen kaufmännischer Weitblick und Unternehmungsgeist, dass er es trotz bescheidener Mittel wagte im Jahre 1872 eine mechanische Weberei nebst den dazu erforderlichen Nebenbetrieben, Färberei und Appretur3) zu errichten. Nimmermüde Kraft und rastloser Fleiß des Begründers brachten das Geschäft rasch zu immer größerer Ausdehnung.

 
Im Jahre 1883 wurde in Schirgiswalde eine Weberei-Zweiganlage neu errichtet, was diese Stadt und die bis dahin noch industriearme Umgebung freudig begrüßt und 1886 kaufte Hermann Wünsche in Ebersbach die kleinere Weberei einer anderen Firma. Für die in solchem Maße erweiterte Weberei genügten die Färberei-Einrichtung nicht mehr. Hermann Wünsche erwarb deshalb 1888 das große Gochtsche Bleichgrundstück und errichtete darauf ein umfangreiches Färbereigebäude, worin nunmehr auch die Bunt- und Küpenfärberei4) untergebracht und die Türkischrotfärberei neu errichtet wurde. Desgleichen ist die chemische Garnbleiche dorthin verlegt worden.

 

Zum Schutze gegen Feuersgefahr in den Fabriken besteht in Ebersbach seit 1888, in Schirgiswalde seit 1889 eine freiwillige Fabrikfeuerwehr von 95 und 45 Mann. Auf vollkommene Ausrüstung gediegene Ausbildung dieser Wehren haben die Chefs der Firma stets großen Wert gelegt, und so sind die Wehren bei den Prüfungen durch den Landesverband der sächsischen Feuerwehren immer als mustergültig bezeichnet worden. Wenn auch hauptsächlich zum Schutze der Fabriken der Firma geschaffen, so stellten sich diese Feuerwehren natürlich auch in den Dienst der Allgemeinheit, wenn es nottut, und sie haben schon bei manchem Brande Hilfe geleistet.
  

Die Beziehungen des Geschäfts reichten über den ganzen Erdball, als der Gründer Hermann Wünsche nach einem arbeits- und erfolgreichen Leben, viel zu früh im Jahre 1889, erst 48 Jahre alt, verstarb. Über die Abnahme seiner Kraft in der letzten Zeit seines Lebens hatte er sich nicht getäuscht, er hatte noch selbst die Verhandlungen eingeleitet, die im Juli 1889 zur Umwandlung des Geschäftes in eine Aktiengesellschaft unter der Firma Buntweberei vorm. Hermann Wünsche führten. Das Unternehmen wurde unter der bestellten Leitung, alten, bewährten Kräften, die mit dem Geschäfte herangewachsen waren, im Sinne des verstorbenen Gründers und unter dem Einflusse seiner Witwe Frau Lara Wünsche weitergeführt. Bis am 1. November 1908 sein ältester Sohn Edwin Wünsche als persönlich haftender Teilhaber die Leitung übernahm. Die Aktiengesellschaft war schon vorher in eine Kommanditgesellschaft und die Firma in Hermann Wünsches Erben umgewandelt worden, nachdem die Aktien sämtlich wieder in Familienbesitz übergegangen waren. Edwin Wünsche setzte seine Studien an der polytechnischen Hochschule und an verschiedenen Großhandlungen der Textilbranche in rascher Folge in die Praxis um, indem er in allen Betriebsabteilungen veraltete Betriebsmethoden durch moderne ersetzte und in allem trachtete die Leistungsfähigkeit des Geschäftes und seine Konkurrenzfähigkeit im Weltmarkt zu steigern. Das größte Unternehmen zu diesem Zwecke war die Errichtung eigener Baumwoll- und Vigognespinnerei in den Jahren 1904/05 mit rund 40.000 Spindeln. Edwin Wünsches vorwärtsdrängendes Streben wurde aber leider früh abgebrochen, eine schwere Krankheit raffte ihn kaum 33 Jahre alt, im August 1908 dahin. Das Streben der Firma nach Ausdehnung und Vervollkommnung der Leistungsfähigkeit hat jedoch keine Unterbrechung erfahren, denn das ganze Denken und Trachten des gegenwärtigen alleinigen Leiters Fritz Wünsche, seit 1.Dezember 1906 als persönlich haftender Teilhaber tätig, ist darauf gerichtet, den Weltruf der Firma und seiner Erzeugnisse zu erhalten und immer weiter zu verbreiten.
 

Die Erzeugnisse der Firma Wünsches Erben beschränken sich nicht mehr auf die wenigen Artikel, die in den ersten Jahren fabriziert wurden. In dem Maße, in dem sie Baumwolle in der Bekleidung ihre Herrschaft erweitert hat, ist auch bei der Firma Hermann Wünsches Erben die Fabrikation vielseitiger geworden. Neben den Stapelwaren für den Massenverbrauch der Hemden- und Schürzenkonfektion spielen jetzt die Saisonartikel eine ganz hervorragende Rolle, die feinen Kleider- und Blusenstoffe aus Baumwolle haben sich längst die Gunst auch der vornehmen Damenwelt erobert. Die Mustersortiments von solchen Modestoffen, mit denen die Firma von Beginn jeder Saison im Markte erscheint, finden in den maßgebenden Kreisen des Handels hervorragende Bedeutung.

 
Der größte Teil der Erzeugnisse wird in Deutschland verkauft, aber die Ausfuhr macht immerhin einen solch hohen Prozentsatz aus, dass die mehr oder weniger günstige Lage der Exportverhältnisse auch für dieses Unternehmen von entscheidender Bedeutung ist. Von den europäischen Ländern sind Abnehmer der Fabrikate des Hauses : England, Schweden, Norwegen, Dänemark, Holland, die Schweiz, die Donauländer, die Türkei und Griechenland, das eine Land in großem, das andere in kleinem Umfange, die überseeischen Ausfuhrgebiete sind in erster Linie die südamerikanischen Staaten und Mittelamerika , geringe Mengen nach Deutsch-Afrika5) und Asien.


Mit folgenden Angaben, die uns zur Verfügung gestellt worden sind, wollen wir unseren Lesern die Größe des Textilwerkes veranschaulichen.
Die für sämtliche Betriebe der Firma erforderliche Kraft, die in 23 Dampfkesseln von rund 4200 qm Gesamtheizfläche erzeugt wird, wozu jährlich etwa 2000 Wagen von je 10.000 kg Kohlen erforderlich sind, ist imstande 13 Dampfmaschinen von zusammen 3500 PS zu treiben. Hiervon werden etwa 500 PS in elektrische Kraft umgewandelt, die mittels einer großen Anzahl von Elektromotoren zum Einzelantriebe verschiedener Betriebsmaschinen dient. Auch die Arbeitsmaschinen in den einzelnen Werkstätten werden durch elektrische Kraft getrieben. Rund 600 PS verbraucht die Lichterzeugung; sämtliche Fabriken der Firma sind mittels Bogenlicht und Glühlampen elektrisch beleuchtet, wozu 7 Dynamos den nötigen Strom erzeugen. Die Weberei zählt rund 2000 Webstühle, die Baumwollspinnerei 40.000, die Vigognose-Spinnerei 4384 Spindeln. Die Zahl der Arbeiter beträgt im Mittel 2500, die Beamten (kaufmännische, Betriebsbeamte und Meister) zählen zusammengenommen 200.
 

Schlichterei und Spinnerei in einem der Fabrikgebäude Hermann WünschesSchlichterei und Spinnerei in einem der Fabrikgebäude Hermann Wünsches

Schlichterei und Spinnerei in einem der Fabrikgebäude Hermann Wünsches

Für das gute Verhältnis, das zwischen der Arbeiterschaft und den Chefs von jeher bestanden hat, spricht am besten die Tatsache, dass seit dem 25-jährigen Bestehen des Geschäftes bis zur Gegenwart 412 Arbeitern und Angestellten die Auszeichnung für ununterbrochene 25-jährige Tätigkeit bei der Firma verliehen worden ist. Eine stattliche Anzahl davon hat nachher die 30-jährige ununterbrochene Tätigkeit vollendet und wurde mit der dafür bestehenden öffentlichen Auszeichnung geschmückt.

1883 richtete der verstorbene Gründer der Firma eine Fabriksparkasse ein, die den Arbeitern und Angestellten die Einlagen zu hohem Satze verzinst. Sie ist schon manchem Arbeiter zum Segen geworden. 1885 stiftete er mit einem Grundkapitale von 10.500 Mark für die Arbeiter und Angestellten eine Altersvorsorgungs- und Invaliditäts-Unterstützungskasse, die durch spätere regelmäßige Zuwendungen und Verzinsung auf reichlich 250.000 Mark angewachsen ist. Gegenwärtig beziehen 135 ehemalige Arbeiter und Arbeiterinnen aus dieser Kasse fortlaufende Renten.

Erklärung :

1) Kattun : ein glatter Baumwollstoff, der gewöhnlich mit einem einfachen zweifarbigen Muster bedruckt ist

2) Köper : ein Gewebe, dass sich durch eine spezielle Bindungsart auszeichnet, häufige Formen sind Denim (Jeansstoff),    Croisé und Cheviot

3) Appretur : auch Appreturmittel genannt, ist ein Wäschepflegemittel, das nach dem Waschen eingesetzt wird, um das Aussehen der Wäsche zu verbessern. Man unterscheidet auswaschbare Appreturmittel und Dauerappreturen (Steifen). Auswaschbare Appreturmittel sind zum Beispiel Formspüler, Feinappretur (kaltlöslich) und Stärke. Diese Mittel müssen nach jedem Waschen wieder aufgetragen werden. Die Dauerappretur ist waschbeständig und verleiht dem Stoff elastische Steife

4) Küpen : große Reaktionsgefäße, in denen Farbstoffe umgesetzt wurden, der zunächst wasserunlösliche Farbstoff wird hierin wasserlöslich gemacht

5) Deutsch-Afrika : dazu zählte Deutsch-Südwest- und Deutsch-Ostafrika,heutiges Gebiet etwa Namibia, Gambia

Herrmann Wünsche


Firmengründer
Herrmann Wünsche


Sohn Edwin Wünsche


Sohn Fritz Wünsche


|  letzte Änderung: 12.06.2007 | Seite drucken |
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